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Aktuell: Corona-Interview

Interview mit Prof. Dr. Ridder zur zunehmenden Sorglosigkeit im Umgang mit der Corona-Pandemie

Für uns als infektionsmedizinisch-tätige Ärzte ist der Wunsch nach menschlicher Nähe und Austausch mit Freunden und Verwandten, nach einem „normalen“ Alltag, ungezwungener Freizeitgestaltung und Reisen sehr verständlich. Eine gewisse Überdrüssigkeit durch täglich neue Nachrichten zu Corona mit diversen Strömungen, seien es nachgewiesene Zahlen und Sachverhalte aber auch Fake News, persönliche Meinungen von meist selbsternannten Experten und Politikern im In- und Ausland machen es für den Laien nicht leichter sich mit diesem grundsätzlich sehr speziellen medizinischen Thema auseinanderzusetzen. Die fast zu Routine gewordene Verwendung von vielen Fremdworten und Fachbegriffen in den Medien (u.a. Pandemie, Epidemie, Triage, Verdopplungszahl, Basisreproduktionszahl bzw. R-Wert, Resilienz, SARS-CoV-2) helfen den Bürgern nicht weiter die eigentliche Gefährlichkeit der Erkrankung einzuschätzen. Selbst Mediziner sind in den seltensten Fällen mit zoonotischen Infektionen, der speziellen Infektiologie, der Infektionsepidemiologie und Seuchenkunde solch schwerer viraler Lungenentzündungen erfahren.

Bis heute sind in Deutschland dank der frühzeitigen und weitreichenden Maßnahmen seit März 2020 glücklicherweise nur relativ wenige Menschen gemessen an der Gesamtbevölkerungszahl erkrankt. Dennoch befinden wir uns immer noch am Anfang einer weltweiten Seuchenerkrankung, die gar nicht so selten sehr schwere bis tödliche Verläufe zeigt. Dass es sich hierbei nicht nur um statistische Zusammenfassungen oder wissenschaftliche Beschreibungen fern ab des eigenen Umfelds handelt, haben wir aus unserem eigenen Tätigkeitsfeld bereits mehrfach erfahren, in dem leider auch jüngere erwachsene Patienten und solche ohne Vorerkrankungen an COVID-19 schwer erkrankten und trotz aller ausgeschöpften Möglichkeiten der modernen Intensivbehandlung verstarben.

Das Virus wird bereits bei ungeschütztem Kontakt sehr schnell übertragen, bevor die Betroffenen erste Symptome entwickeln oder bei sehr geringen Krankheitszeichen – das macht es bereits problematisch seine Ausbreitung zu kontrollieren. Die medizinische Forschung hat zwar in den letzten Monaten schon viele Daten zu dieser neuen Erkrankung zusammentragen können, jedoch sind die eigentlich krankmachenden Kriterien bezogen auf die Ausprägung der Schwere der Erkrankung und den Verlauf beim einzelnen Patienten letztendlich noch weitgehend ungeklärt, geschweige denn eine Heilbehandlung oder Impfung in Sicht.

Darum ist jeder durch Einhaltung der Corona-Verordnung und Pandemie-Regeln (Abstand halten, Hygiene beachten, Mund-Nasenschutz tragen, falls möglich Nutzung der Corona-Warn-App, Menschenansammlungen vermeiden, regelmäßiges Lüften, fehlende Impfungen nachholen, usw.) mitverantwortlich seine Mitmenschen zu schützen und somit auch diejenigen in der Gesellschaft, die mittlerweile um ihren Arbeitsplatz oder um ihre Existenz fürchten. 

Vergessen wir nicht, dass im Frühjahr 2020 im benachbarten Elsass, in Norditalien oder in Spanien tausende Covid-19-Schwerkranke nicht mehr intensivmedizinisch behandelt werden konnten und dem Versterben überlassen werden mussten (was wir im Katastrophenschutz als „Triage“ bezeichnen), darunter auch viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Gesundheitswesens.

Die aktuelle Testsituation bietet aber auch Verbesserungsmöglichkeiten. Nicht nur die mangelnde Versorgung mit Desinfektionsmitteln, Schutzausrüstung und insbesondere Sterilgütern erschwert die Patientenversorgung. Ein großes Manko sehe ich in der leider noch analogen und langsamen Kommunikation mit den Gesundheitsämtern. Während Patienten ihre Coronabefunde bei den Laboren zeitnah digital online abrufen können müssen wir Ärzte Verdachtsfälle und positive bestätigte Fälle hier in Baden-Württemberg noch handschriftlich und mit Stempel per Fax den Gesundheitsämtern melden. Oftmals blockierte Faxleitungen, ein personal- und zeitintensiver Faxtransfer und eine unklare Übermittlungslage kennzeichnen den Arbeitsalltag in unserer Coronaschwerpunktpraxis. Hier wäre dringend die digitale Aufrüstung der Gesundheitsämter und der Breitband-Netzausbau sehr empfehlenswert. Ratsam wären darüber hinaus aus fachärztlicher Sicht bei allen in stationären Einrichtgungen Verstorbenen mit klinisch und molekularbiologisch nachgewiesener Covid-19-Infektion die amtsärztlich angeordnete Obduktion, um die Zusammenhänge der Krankheitsfaktoren im Körper aufschlüsseln und besser verstehen zu lernen. Jegliche Zurückhaltung aus vermeindlichem Gesundheitsschutz ist für uns in Schwerpunktpraxen tätigen Ärzte nicht nachvollziehbar.

Die Pandemie wird leider noch lange nicht überwunden sein. Jeder Einzelne kann in Eigenverantwortung und mit Vorbildcharakter soviel Solidarität zeigen das Leben der Mitmenschen zu schützen, um die weitere Ausbreitung dieser Seuche einzudämmen.

Freiburg, 29.09.2020

 

Prof. Dr. Ridder ist seit mehr als 20 Jahren auf dem Gebiet der speziellen HNO-Infektiologie tätig und wurde 2004 von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg über seine wissenschaftlichen Forschungsarbeiten zu zoonotischen Infektionen im Kopf-Hals-Bereich habilitiert. Er war fast 10 Jahre Katastrophenschutzbeauftragter in der Univ.-HNO-Klinik und hat zahlreiche wissenschaftliche Fachartikel zur speziellen Infektiologie in internationalen Zeitschriften und Lehrbüchern verfasst.

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